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Chroniken von Chaos und Ordnung. Band 4: Lucretia L’Incarto
Krieg

Chroniken von Chaos und Ordnung. Band 4: Lucretia L’Incarto

Autor: Praßl, J.H.


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 688

Sprache: deutsch

Auflage: 1 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862824403

Einband: Klappenbroschur

zum eBook

EUR 18,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Der Krieg schreibt keine Heldenlieder!
Amalea im Jahre 346 nach Gründung Fiorinde.
Die Zeit der Dunkelheit ist vorüber. Die Völker Amaleas sind im Begriff, die Welt von den letzten Chaosanhängern zu befreien und den Göttern der Ordnung zu neuer Macht zu verhelfen ...
Die Welt hat sich verändert. Aus der längst erkalteten Asche der in Vergessenheit geratenen Chaoskriege erhebt sich ein neues Dunkles Zeitalter. Die Mächte des Chaos treten den Mächten der Ordnung abermals gegenüber. Chaosbündnis und Allianz ziehen in die Schlacht um die Herrschaft über Amalea. Der letzte große Krieg beginnt. 
Telos’ Leben steht auf Messers Schneide. Während sich Lucretia in die Liga der außerordentlichen Zauberkundigen Al’Jebals spielt, steht der Hohepriester in Mon Asul vor Gericht. Unterdessen lernt Chara unter der weisen Führung Meister Fengs über ihre physischen Grenzen hinauszugehen. Aber schon bald muss sie begreifen, dass jede Grenzüberschreitung auch den Fall einer Mauer zur Folge hat. Ihre harte Fassade bröckelt. Etwas, das tief in ihr verborgen liegt, beginnt auszutreiben und die steinerne Barriere niederzureißen. Genau darauf hat Marduk Lomond MacDragul gewartet. 
Indes arbeitet ein Mann namens Agadur Konwin Aun’Isahara an der Wiederbelebung seines ältesten Bruders, der einst der mächtigste Nekromant Amaleas gewesen sein soll. Doch am Höhepunkt seines Schaffens stellt sich ihm ein gigantisches Heer unbekannter Herkunft entgegen, an dessen Spitze eine schwarze Frau für die wildesten Gerüchte sorgt ...
Wer seine Vergangenheit vergisst, dem wird die Zukunft in den Rücken fallen!
„Emotional, gewaltig, an die Grenzen bringend und beinahe zur Verzweiflung treibend. So ein Werk liest man nicht, man durchlebt und durchleidet es. Mit jeder Faser. Versprochen ...“ (Floh, Lovelybooks.de)
Der Helm
[…]
Charas Körper hatte aufgegeben. Ihr Geist war noch wach, was nicht unbedingt einen Gewinn darstellte. Nachdem sie dagegen angekämpft hatte, dass die eine Funktion havarierte, konzentrierte sie sich auf die andere. Sie distanzierte sich von ihrem Körper und hoffte darauf, dass ihr Verstand genügte. Doch Chara konnte nur daran denken, dass es vorbei war und sie versagt hatte. 
Noch gehorchten ihr ihre Augen. Noch hatte sie sich soweit im Griff, dass sie nicht umkippte. Aber wozu? Besser wäre es … besser für sie wäre es, einfach tot umzufallen. Nur, da war dieser Zorn, da war dieses Feuer in ihr, da war Telos, der mit seinen Kriegern das Beste aus der Situation zu machen versuchte, da war der Auftrag, da war der Befehl, da war ihr erster Einsatz als Kommandantin und da war Al’Jebal. […]
Eine glasklare Stimme tänzelte wie aus weiter Ferne an ihre Ohren. 
„Chara! Hörst du mich?“
Lucretia.
Das rundliche, rosawangige Gesicht der Akademiemagierin schob sich in den Schein der Fackel, die hinter ihr an der Wand hing. Rosawangig? Chara glaubte sich erinnern zu können, dass Lucretia blass, müde und kränklich ausgesehen hatte, als sie noch bei Sinnen gewesen war. Wieviel Zeit war vergangen? Wie lange saß sie schon hier?
„Kannst du mich sehen, meine Liebe?“ 
„Scheiße ja!“, stieß Chara hervor und spürte, wie Speichel und Blut aus ihrem Mundwinkel spritzte. Wenigstens konnte sie sich selbst nicht sehen. Lucretia wich zurück. Chara taxierte das frische, geradezu rotbäckige Gesicht ihrer Kampfgefährtin. Wo war die Magierin gewesen?
„Sag mal, sind wir noch in Cair Urd?“, fragte sie.
Das Apfelgesicht nickte. Der Blick aus den großen, glänzenden Augen verdüsterte sich. 
„Wir haben das Untergeschoss gestürmt und die restlichen Wachen beseitigt“, erklärte der blassrosa Mund mit den sinnlichen Lippen. „Telos ist noch unten bei den Zellen.“ Sie räusperte sich leise. „Hrm Hrm … Ich bin in den Kerker vorausgegangen, während die anderen noch kämpften. Ich weiß jetzt, was die Männer bewachten.“
„Mach’s nicht so spannend!“, flüsterte Chara. Es war ein unsägliches Martyrium, überhaupt den Mund aufzumachen. 
„Es ist ein magisches Artefakt.“
Chara atmete ein paar Mal tief durch und wurde der Übelkeit Herr, die ihr in Wellen die Magenwand hochschwappte. „Ist dieses Artefakt … der Grund dafür, dass du aussiehst …“ Sie brach ab und holte erneut Luft. „… wie frisch aus dem Ei gepellt?“
Die rosigen Wangen wurden schlagartig blass. „Ich wusste es nicht! Mir war nicht klar, was ich da tat!“
Lucretias Gesicht wich noch ein Stück zurück. Die hübsche Zauberkundige schämte sich für irgendetwas.
„Die Magie dieses Artefakts ist finster, Chara! Finsterer als alles, was ich über Magie bis heute gehört habe! Ich hätte es nicht benutzt, wenn ich gewusst hätte …“
Ein tiefer Atemzug und Chara hatte sich soweit im Griff, von ihrem Hintern auf die Füße zu kommen. Hockend sog sie die Luft ein und griff zitternd nach Lucretias Arm. 
„Zeig es mir!“, verlangte sie. Dann hangelte sie sich an Lucretia hoch. Lucretia wankte wie ein Mast im Sturm, schaffte es aber, stehen zu bleiben.
„Telos hat gesagt, du darfst auf keinen Fall nach unten, Chara! Da ist noch etwas anderes …“
„Es ist mir egal, was Telos sagt! Cair Urd fällt unter meine Zuständigkeit! Zeig mir, was ihr gefunden habt!“ 
Als sich Chara umsah, stellte sie fest, dass Kerrim und die Assassinen verschwunden waren.
„Wo …“, begann sie, doch Lucretia war schneller. „Sie sind den Ordenskriegern im Wohnturm zu Hilfe geeilt, nachdem hier alles erledigt war.“
Auf dem Weg die zwei Geschosse in den Kerker hinab befand sich Chara in einem bizarren Wechselspiel aus qualvollen Schmerzen und dem noch immer lodernden Zorn in sich. Der Zorn war es, der sie wach und die Schmerzen unter Kontrolle hielt. Der Zorn war es, der ihren Willen anheizte. Er war das einzige, das ihr noch geblieben war. 
Auf Lucretia gestützt schaffte sie den Weg die Stufen hinab, den dunklen, feuchtkalten Korridor entlang bis hin zur letzten Tür, die offenstand. Vor der Tür warteten, bleichen Gesichts und versteinerter Miene, zwei von Telos’ Ordenskriegern.
„Wir müssen Euch den Zutritt verweigern“, sagte einer der beiden entschlossen und hielt Chara seine Hand wie ein warnendes Schild entgegen. „Auf Befehl Oberhohepriester Malakins.“
Chara stierte dem Krieger ins Gesicht. „Tretet zur Seite! Ich hab hier das Kommando!“
„Tut mir leid. Wir unterstehen …“
„Telos!“, brüllte Chara und zuckte vor Schmerz zusammen. „Sag deinen Wachhunden, sie sollen einen Abgang machen! Ich komme auf jeden Fall rein – mit oder ohne deine Zustimmung!“ Sie wandte sich an Lucretia. „Du kannst mich jetzt loslassen. Würdest du nachsehen, was im Hauptturm vor sich geht?“
Lucretia nickte stumm, bedachte Chara mit einem letzten eindringlichen Blick und kehrte rasanten Schritts und offensichtlich froh darüber, der kommenden Dinge zu entgehen, zur Treppe zurück.
Chara spähte zwischen den Ordenskriegern hindurch in die Zelle. Nichts zu erkennen! Der Raum hinter der Tür war fensterlos. Das Licht der einzigen Fackel, die brannte, erhellte lediglich den Rücken des Mannes in weißer, blutverschmierter Toga, der die Fackel in der Hand hielt. Chara konnte nicht sehen, was Telos sah. 
„Telos! Hast du mich gehört?“
Die Fackel schwenkte herum. Ein vernarbtes Gesicht wandte sich der Tür zu. Telos sah aus, als wäre er während Charas Abwesenheit förmlich in sich zusammengefallen. Sein Gesicht war das glatte Gegenteil zu Lucretias unerklärlicher Verjüngung.
„Ich kann dich nicht davon abhalten, richtig?“, sagte er müde.
„Nein.“
„Versprich mir, dass du nichts Unüberlegtes tust!“
Chara grinste und spürte dabei ein heftiges Ziehen in ihren Mundwinkeln. Alles an ihr war vernarbt, alles tat weh, alles verfiel … Alles ist vergänglich. 
„Versprochen.“
Telos seufzte, drehte sich wieder um und rief seinen Kriegern zu: „Lasst sie durch!“
Fünf Schritte, fünf schmerzhafte Messerstiche direkt in ihre Eingeweide, und Chara stand neben dem Priester. Der warme Schein seiner Fackel warf einen Lichtkegel an die Wand der Zelle. Dort hing ein alter Mann in Ketten – Knie am Boden, Arme über dem Kopf, Schultern ausgekegelt, Kinn auf der Brust. Ein schmutziger, verfilzter Vorhang aus grauen Haaren umrahmte das eingefallene Gesicht. An seinen dürren Hüften hing eine dreckverschmierte Bruche. Auf seinem Haupt saß ein Helm aus Metall und wirkte grotesk, wie ein Trugbild auf dem halbnackten Elend, das dem Tode direkt ins Auge blickte. Der Helm … Er sah nicht aus wie eine Schutzvorkehrung. Da waren Vertiefungen an jeder Seite, als hätte jemand seine Hände in das noch weiche, warme Metall gedrückt, bevor es im Eiswasser gehärtet worden war. 
„Dieses Artefakt …“, murmelte Chara. „Was tut es?“
Telos stöhnte leise. „Chara“, sagte er mit hohler, kaum hörbarer Stimme. „Sieh dir sein Gesicht an.“
Chara lenkte ihren Blick auf das Gesicht des Gefangenen – ließ ihn über die hohlen Wangen gleiten, die geschlossenen Augen, deren Mandelform irgendwann bestimmt einen ganz passablen Effekt auf Frauen gehabt hatte. Sie begutachtete die ausgetrockneten Lippen und das kantige Kinn. Der Mann war sicher an die siebzig Jahre alt!
Gerade wollte sie ihrer Ratlosigkeit Ausdruck verleihen, da fiel ihr Blick auf die Brust der bemitleidenswerten Gestalt. Ein Anhänger baumelte an einem abgewetzten Lederband … 
Chara stieß die Luft aus. Sie kannte den Anhänger! Er war ihr so vertraut, als hätte sie es erst tags zuvor das letzte Mal gesehen. Ungläubig wanderten ihre Augen zurück in das Gesicht. Und dann hob sich der Vorhang, der sich über ihren Verstand gelegt hatte und noch bevor sie wusste, was sie mit der neuen Erkenntnis anstellen sollte, flüsterte sie: „Lass mich mit ihm allein!“
„Weshalb?“, fragte Telos sofort. 
„Ich … ich weiß es nicht.“ Sie drehte sich zu ihm um. „Bitte, Telos! Lass mich allein mit ihm!“ Sie konnte den flehenden Ausdruck auf ihrem Gesicht förmlich spüren und sie wusste sehr gut, dass Telos machtlos dagegen war.
Und tatsächlich, er sah ihr tief in die Augen, nickte dann, wandte sich um und schritt schweigend aus der Zelle. 
Jetzt war Chara klar, was passiert war. Ihr war klar, was Lucretia getan hatte und der Helm bedeutete. 
War es Neugier? Oder kalte Berechnung? 
Eines konnte Lucretia sich jedenfalls leicht vergeben – sie hatte keine Ahnung, wem sie den letzten Rest seiner Würde genommen hatte. Das wusste sie nicht … konnte sie nicht wissen!
„Thorn“, sagte Chara leise und trat der erbärmlichen Gestalt in Ketten gegenüber. „Thorn, kannst du mich hören?“
Ein schwaches Zucken ging durch den Körper. Der Kopf rührte sich kaum merklich, hob sich nur ein Stück weit. 
Der Waldläufer war nicht wiederzuerkennen. Seine Augen verbargen sich in diesen tiefen schwarzen Höhlen, seine Haut war so faltig wie die eines Warans. Um seinen Mund gruben sich die Furchen wie die trockenen Risse in die von der Sonne verbrannte Steppenerde. Aus seinem Mundwinkel troff Speichel. Da war nichts, das Chara noch erwähnenswert an den Helden des Valianischen Imperiums erinnerte. Und es gab nicht den geringsten Grund, ihn daran zu erinnern, wer er einmal gewesen war. Keinen Grund, ihm ins Gedächtnis zu rufen, was mit ihm passiert war, wie seine Welt aus den Fugen und er in die Fänge des Chaosbündnisses geraten war, keinen Grund, ihn an sein altes Leben zu erinnern, an seine Taten (ob gut oder schlecht), seine Liebe (ob echt oder illusorisch), an seine Ziele (ob erstrebenswert oder nicht), an seine Zweifel (ob fremd- oder selbstverschuldet). Thorn sah aus wie das Sinnbild vollendeten Scheiterns. Er sah aus wie … sie! 
Chara musste ein Schaudern unterdrücken.
Mochte Thorn dem Tode auch näher sein, sie stand selbst an der Schwelle zum Nichts. Sie war vollends gescheitert und kurz davor, diese Welt zu verlassen. Da waren sie nun – Thorn in eisernen Ketten und am Ende seines von den Mächten verfluchten Lebens, und sie, Chara, in unsichtbaren Ketten und am Ende ihrer Laufbahn als Assassinin Al’Jebals. Beide dem Tode nahe – der eine mehr, der andere weniger. Nach all den Jahren …
Einen Herzschlag lang fühlte Chara so etwas wie eine Verbindung zwischen sich und dem Waldläufer. Kurz flammte das Bild des Dämonenfürsten auf, dessen roter, schuppiger Leib sich vor ihren Blick schob. Sie sah erneut Thorn, der nicht weit von ihr in der Luft hing, so wie sie, dem Entdecker aller Geheimnisse hoffnungslos ausgeliefert. Es war das letzte Mal gewesen, dass sie den Waldläufer gesehen hatte. 
Und jetzt, hier im Kerker Cair Urds, war sie mit Thorn einer Meinung – das erste, letzte und einzige Mal: Das Leben ist eine verfluchte Hure! Es verkauft sich dir über Wert, um dich am Ende teuer bezahlen zu lassen!
Auf fantasybuch.de und Phantastische-Fluchten.de von Petra Berger (14.01.2017)

Chara, Telos und Lucretia haben einen langen Weg hinter sich, Verletzungen an Körper und Seele erlitten, viele Kämpfe geführt und Freunde verloren. Doch all dies war lediglich eine Vorbereitung auf den nun folgenden Kriegsbeginn. Mittlerweile stehen die Protagonisten mehrere Jahre im Dienste des Alten vom Berg. Telos als Agramons Streiter, Chara als Assassinin und Lucretia als Magierein. Immer noch werden sie weiter ausgebildet und unterrichtet, um sie auf den kommenden Krieg vorzubereiten.  Al' Jebal beginnt die Vorbereitungen für den ersten Schlag der Allianz gegen das Chaos und zieht seine Truppen zusammen. Treffpunkt zur Vorbereitung der ersten Angriffswelle sind die Kabugna Inseln. Einst Teil einer Mission der Gefährten. Ziel ist es, die Festung Ishara zu erobern, ein mächtiges Bollwerk des Chaosbündnisses, welches als uneinnehmbar gilt. Auf den Inseln erfahren Telos, Chara und Lucretia etwas über ihr Schicksal. Nebulös aber doch wegweisend für die Zukunft.  Chara weigert sich, an die Weissagung zu glauben und geht weiter mit dem Kopf durch die Wand. Mehr sei hier nicht verraten, da es sich um einen vierten Band handelt, ist es nicht zweckmäßig zu viel der vorherigen Ereignisse zu schildern und zu sehr auf die Fortsetzung der Handlung einzugehen, ohne Wichtiges zu verraten. Zuerst dachte ich, wieder endlose Kämpfe und Eroberungen, doch diesmal steht die Entwicklung der Personen eindeutig im Vordergrund. Wie sie sich langsam öffnen, menschliche Regungen oder zarte Bande zu lassen. Obwohl dieser Band Lucretia gewidmet ist, steht für mich erneut Chara eindeutig im Vordergrund, eine ambivalente, faszinierende und tiefgründige Person, die sicherlich noch eine Überraschungen zu bieten hat. (hoffe ich)
Al' Jebal hat mächtige Verbündete um sich geschart, doch wird es reichen, den Kampf zu gewinnen?

Ich möchte mich ganz herzlich bei dem Autorenpaar für das Rezensionsexemplar bedanken. Natürlich denken jetzt viele sicher: "Ahh, eine Gefälligkeitsrezension" aber das ist bei dieser Serie nun wirklich nicht nötig. Der Zyklus kann durchaus neben meinen Lieblingsserien wie das Spiel der Götter von Erikson, Otherland und Osten Ard von Tad Williams oder auch die Sturmlichtchroniken von Brandon Sanderson bestehen. Die Charaktere sind sehr detailliert und liebevoll entworfen und besitzen eine Tiefe, die man im Bereich Fantasy selten findet. Abgerundet wird das ganze durch die wunderbaren Zeichnungen und Illustrationen auf der Website zu diesem Epos.

Während des Lesens ist mir immer mehr die Frage durch den Kopf gegangen, wer bestimmt, was Ordnung oder Chaos, Gut oder Böse ist. Kurz vor dem Ende dieses Bandes fasst Chara diese Gedanken in Worte und fragt Telos danach, der ihr eine Antwort schuldig bleiben muss. In ihm wächst Zorn über diese Frage und er empfindet sie als blasphemisch. Aber zeigen dieser Zorn und seine Sprachlosigkeit nicht seine Angst? Berühren diese Fragen nicht einen wunden Punkt? Denn die Taten, die im Namen der Ordnung begangen werden, sind in den Augen der Leser grausam und brutal und nicht unbedingt notwendig oder gerechtfertigt. Wenn ein Feind seine Waffe fort wirft und sich ergibt und trotzdem niedergemetzelt wird, wie kann das der Ordnung dienen? Worin liegt der Sinn Frauen, Kinder und alte Menschen zu meucheln? Um das Chaos an der Wurzel zu packen? Wissen diese Menschen überhaupt, dass sie Chaosanhänger sind? Sie wohnen vielleicht einfach nur im falschen Teil der Welt, wo sich die Mächtigen dem Chaos verschrieben haben, dessen Bewohner aber lediglich Alltagssorgen plagen und die nichts von dem Krieg ihrer Herrscher wissen. Begibt man sich nicht selbst auf einem dunklen Pfad, wenn man keine Achtung mehr vor dem Leben zeigt, seine Ideale aufgibt und nur noch blind den Befehlen gehorcht? Und ausgerechnet Chara fasst diese Zweifel in Worte. Sie, die Entscheidungen lieber anderen überlässt sie, die eigentlich nur gehorchen und kämpfen will. Sollte es nicht Telos sein, der diese Zweifel anbringt?

Es beweist wieder, dass sich in Chara eine Tiefe verbirgt, die stets unerwartet aufblitzt, so dass niemand sie wirklich einschätzen kann. Siralen ahnt, dass in der Assassinin weit mehr steckt, als sie der Welt zu zeigen bereit ist.
Mit Lucretia, Chara und Siralen haben wir hier ein starkes Frauentrio, sehr gegensätzliche Figuren, die alle drei zu beeindrucken wissen. Siralen, die kühle, rationale Elfin, die chaotische Chara, die immer mit dem Kopf durch die Wand will und sogar Befehle verweigert und die damenhafte Lucretia, mit ihrem Ehrgeiz, von alle respektiert und geachtet zu werden. Sowohl Cara als auch Lucretia lechzen auf ihre Art nach Anerkennung, auch wenn es Chara vielleicht nicht so bewusst ist. Ihr liegt lediglich etwas  an der Anerkennung  Al' Jebals, der Rest der Welt ist ihr egal. Während sich Lucetria nach der Anerkennung der ganzen Welt sehnt.
Dieser Band unterscheidet sich von den anderen Bänden dahingehend, dass die Protagonisten Gefühle zeigen und zulassen dürfen. Telos verabschiedet sich von seiner unerfüllten Sehnsucht, Chara  zu bekehren und für sich zu gewinnen. Und durch diesen Verzicht kann er sein Herz endlich einer anderen öffnen. Lucretia, die eigentlich nur ein lockeres Techtelmechtel zur Entspannung eingehen möchte, findet bald ebenfalls in einer Beziehung wieder. Und Chara ist einfach Chara, wir haben ihre widerstreitenden Gefühle drei Bände lang verfolgt und lassen und einfach überraschen, wie es weiter geht.

Trotz des brutalen Krieges und der schonungslosen, teils kompromisslosen Beschreibungen der Kämpfe und des Mordens, empfinde ich diesen Band als etwas erholsamer und lockerer als Band drei. Das liegt vor allem an der charismatischen und unnachahmlichen Art der Lucretia  L'Incarto, die sich in den schlimmsten Momenten noch fragt, ob ihre Frisur oder ihre Kleidung perfekt sitzt. Auch wenn diese Leichtigkeit im Laufe des Krieges und der unerträglichen Strapazen etwas verloren geht, wirkt sie doch wie die gute Seele des Buches. Ein Ort der Zivilisation und Etikette im Sog der Krieges.

Das Cover des Buches ist wieder eine Schattierung dunkler als die vorherigen Bände, man erkennt an der äußeren Gestaltung schon, dass eine Ereigniskette fortgeführt wird. Ergänzt wird die Geschichte mit vier schönen Landkarten, einer Karte der Festung Ishara, einem ausführlichen Glossar sowie einem Personenregister. Wer mehr über die Welt Amaleas und die Protagonisten erfahren möchte, der sollte sich wirklich die Website anschauen.

Dieser Band lässt sich nicht ohne Kenntnisse der vorherigen Bände verstehen, die Ereignisse bauen aufeinander auf und führen den Leser in eine faszinierende Welt. Ich bin keine Spielerin. Die Bücher, die ich bisher gelesen habe, welche auf Spielen basieren, wirkten stets etwas leblos und fade. Sei es der einsame Wolf oder auch Assassins Creed. Aber diese Serie sprüht vor Lebendigkeit und zieht den Leser in ihren Bann. Das mag auch an der Fähigkeit der Autoren liegen, sich sehr bildhaft und wortgewaltig auszudrücken.

Fazit:
Ich konnte mir nach Band drei nicht vorstellen, wie die Autoren auf acht Bände kommen möchten. Aber Band vier beweist, dass hier noch etliches an Potenzial verborgen ist und dem Ideenreichtum der Beiden keine Grenzen gesetzt sind. Ich warte ungeduldig auf Band fünf.
10 von 10 Sternen


Online:
http://phantastische-fluchten.blogspot.de/2017/01/die-chroniken-von-chaos-und-ordnung.html 
http://www.fantasybuch.de/rezension/j-h-pra%C3%9Fl-chroniken-von-chaos-und-ordnung-lucretia-lincarto-krieg.html?ID=2731



Auf http://www.lovelybooks.de/ von LiberteToujours (03.01.2017)

„Düsterer als die Vorgänger ...“

Als ich die Überschrift getippt habe musste ich fast selbst ein bisschen schmunzeln. Schließlich kann man es selbst kaum glauben, wenn man bedenkt dass wir im Vorgänger Dragati bei seinen Schandtaten beobachten mussten, die an Grausamkeit fast nicht zu überbieten waren. Wir haben Vergewaltigungen, Mord, Folter und Hass gesehen. Wir haben beobachtet wie tausende Liter Blut in der Erde Amaleas versickern. Wir haben Freunde verloren. Und doch setzt das Autorenduo hier nochmal einen drauf - denn wir bekommen all das (vielleicht mal abgesehen von ein paar ganz kranken Foltermethoden, aus Ermangelung eines Geistes, der an Abartigkeit an Dragati heran reichen könnte) und dazu noch das Gefühl, dass wir uns in niemandem mehr sicher sein können. Zumindest ging es mir so.

Zwischen Telos und mir war es schon immer ein beständiges auf und ab. Wirklich mochte ich ihn noch nie. Aber in diesem Band hat er es zum ersten Mal geschafft, mir etwas Angst zu machen. Sein ehemals starker Glauben grenzt nun an Fanatismus. Und Lucretia? Die ist vor allen Dingen erstmal Machthungrig. Ihre mangelnden Prinzipien verursachen mir von Anfang an Bauchschmerzen. In all dem Elend, dass in Amalea herrscht fehlt nun also das, was ehemals der sichere Hafen war - unsere Gefährten. Denn irgendwie wirken sie zersplittert. Und das fällt sogar Chara auf.
Als wäre den Praßls selbst bewusst, was sie uns als Leser hier zumuten bekommt man hier aber auch das krasse Gegenteil - nämlich Szenen, die eigentlich so gar nicht in die Chroniken passen. Kurze Pausen vom Krieg, eine Feier in Lucretias Haus, Chara in einem Kleid bei einem Tanz - und noch einiges mehr, was ich an dieser Stelle allerdings nicht verraten möchte. Wie eine warme Decke in einer viel zu kalten Nacht legen sich diese Abschnitte um den Leser. Sie wappnen uns genau so wie unsere Protagonisten, wieder einen Schritt weiter Richtung Dunkelheit gehen zu können.

Während ich diese Rezension schreibe bin ich mit jeder Zeile ein bisschen mehr versucht, mir die Haare zu raufen. Was soll man denn in Teil 4 noch sagen, wenn alle gleichbleibend gut sind? Normalerweise gibt es irgendwann einen Schnitzer. Eine Entwicklung mit der ich nicht leben will. Und hier? Nichts. Wie soll man einer Reihe gerecht werden, die permanent auf dem gleichen, fast unerhört hohem Niveau bleibt? 
Ich bin jedes Mal wieder beeindruckt, von der sprachlichen Qualität. Ich bin jedes Mal wieder fasziniert, von der Komplexität der Figuren. Ich bin jedes Mal wieder bezaubert, von der Schönheit, die Amalea ausstrahlt - trotz des ganzen Leids.
Und trotzdem schaffen die beiden immer wieder, mich zu überraschen. Dieses Mal damit, dass sie ihrer ohnehin schon perfekt durchdachten, höllisch Komplexen Welt eine neue Ebene geben. Ich liebe Geschichten, die perfekt ineinander greifen. Sowas findet man selten, wenn es solche Dimensionen annimmt wie die Chroniken. Und wenn man doch so einen Schatz entdeckt schreit meine kleine, fiese innere Stimme irgendwann laut "TOLKIEN! *Hust*" - hier bleibt sie still und lässt mich genießen.

Ich habe lange nach passenden Worten des Lobs gesucht - und hab festgestellt, dass sie sich nicht finden lassen. Macht nichts. Stellt euch leuchtende Augen vor, Hände, die ein Buch zuklappen und danach nochmal sanft über den Rücken streichen und einen leisen Seufzer, wenn es dann vorbei ist. 


Über den Autor

Praßl, J.H.

Praßl, J.H.

Hinter dem Namen J.H. Praßl verbirgt sich das österreichische Autorenehepaar Judith und Heinz Praßl. Zusammen schreiben sie bereits seit Jahren an dem Fantasy-Epos Chroniken von Chaos und Ordnung. Judith Praßl wurde 1979 in Oberösterreich geboren. Sie ist... mehr über den Autor

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