. .
BUCHstäblich NEU
Sie sind hier:

Chroniken von Chaos und Ordnung. Band 3: Bargh Barrowson
Chaos

Chroniken von Chaos und Ordnung. Band 3: Bargh Barrowson

Autor: Praßl, J.H.


lieferbar


Produktart: Buch

Seiten: 692

Abbildungen: 3

Sprache: deutsch

Auflage: 3 Originalausgabe

Verlag: acabus Verlag

ISBN: 9783862823956

Einband: Klappenbroschur

zum eBook

EUR 18,90

Artikel


  • Inhalt
  • Leseprobe
  • Rezension
Amalea im Jahre 344 nach Gründung Fiorinde.
Die Zeit der Dunkelheit ist vorüber. Die Völker Amaleas sind im Begriff, die Welt von den letzten Chaosanhängern zu befreien und den Göttern der Ordnung zu neuer Macht zu verhelfen ...


Die Würfel sind gefallen. Bargh, Telos, Chara und Thorn haben die Prüfungen Al’Jebals bestanden und unter seiner Weisung ihr jeweiliges Schicksal besiegelt. Doch was dem einen zum Aufstieg verhilft, führt den anderen in den Untergang. Während Bargh vom Schatten seiner Vergangenheit eingeholt wird und dem Bösen dabei näher kommt, als ihm lieb ist, Chara sich fragt, wieso die Anhänger des Chaos eine unerklärliche Faszination auf sie ausüben, und Telos Agramons Wort mit den eigenen unerhörten Taten in Einklang zu bringen versucht, plant Thorn im Geheimen den Untergang von Al’Jebal.  

Die Chaoskriege sind seit Hunderten von Jahren Geschichte. Doch in der Begegnung mit Hakkinen Dragati, Prophet eines Chaosgottes, zeigt sich, dass die Geschichtsbücher Lügen verbreiten. Und am Ende erkennen Bargh, Telos, Chara und Thorn, dass es das Chaos ist, das ihnen bei all ihren Schritten die Begleitmusik spielt.  Aber wie passt Al’Jebal in diese Erkenntnis?

„Die Ordnung hat nur einen Fehler: Sie erkennt das Chaos nicht, wenn sie es vor sich hat. Dieser Fehler ist allerdings verheerend.“
Leseprobe aus Kapitel „Unruhen“

[…]
Als sie die Tür zum Gasthaus aufstießen, peitschte ihnen der Wind den Regen in heftigen Schauern hinterher, sodass sich die Holzdielen sofort mit Wasser tränkten.
„Dver’kroj!“, gellte ihnen die Stimme des Wirts entgegen, und Telos stemmte sich gegen die schwere Tür und schob Wind und Regen nach draußen. Chara hielt sofort auf die Treppe gegenüber dem Eingang zu und verschwand, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben.
Langeladeon saß mit dem aschranischen Übersetzer Garin El’Suk und dem Statthalter Petrov Jadalev bei einem Becher gefüllt mit einem aus Roggen gebrannten Schnaps – Telos war bereits in den Genuss gekommen, das dämonische Zeug namens Vidkova zu trinken – an einem Tisch unmittelbar neben dem Ausschank. Der Elf hatte sein silbergraues Haar in feine Zöpfchen geflochten, trug eine schlichte graue Tunika mit blassgrünen Ziernähten und hatte einen leicht pikierten Ausdruck auf dem Gesicht. Sein Getränk rührte er nicht an.
Abgesehen von dem einen besetzten Tisch war der Gastraum leer. Das unfreundliche Wetter und die Belagerung ihrer Stadt verleidete es den Einwohnern offensichtlich, ihre Häuser zu verlassen.
„Ihr habt die Zeit über Maß strapaziert“, begann Langeladeon vorwurfsvoll an Thorn gewandt, der sich den nassen Umhang von den Schultern zog und über die Stuhllehne warf. Gewöhnlich war Chara die erste Ansprechperson, wenn Langeladeon seinem Unmut Ausdruck verleihen wollte. Aber wenn sie nicht da war, gab er sich auch mit Thorn zufrieden.
„Ging nicht anders.“ Thorn ließ sich in den Stuhl fallen, zog das Lederband aus seinen nassen Haaren und schüttelte sie, während er dem Wirt mit einem Fingerzeig auf Langeladeons Becher zu verstehen gab, dass er desgleichen begehrte.
„Und wo ist Saddhu Malakal?“, fragte Langeladeon kühl.
Thorn rückte mit seinem Stuhl ein Stück zur Seite, damit Bargh Platz nehmen konnte, was der Vallander auch tat, nachdem er sein Kettenhemd über den Kopf gezogen und es rasselnd auf den Boden neben dem Tisch hatte fallen lassen.
„Saddhu Malakal wird uns nach Billus begleiten“, antwortete Telos an Thorns Stelle. Er setzte sich neben Bargh und nickte dem Baruk der Stadt, Petrov Jadalev, freundlich zu. Unterdessen unterrichtete ihr Führer den Statthalter mit knappen Worten über die Vorkommnisse des Nachmittags. Nachdem er seine Pflicht erfüllt hatte, schenkte er Telos, Thorn und Bargh ein förmliches Lächeln und verschwand durch die Tür nach draußen.
Petrov Jadalev, seines Zeichens Baruk, kurz Statthalter des Großfürsten in Amoravod, ein stattlicher Mann mit gepflegtem Vollbart, stützte seine Ellbogen auf die Tischplatte und blickte einmal in die Runde. Der Baruk war ihnen bei ihrer ersten Begegnung als ein bodenständiger, aufrichtiger Mensch begegnet und Telos fühlte sich in seiner Gegenwart ganz wohl. Petrov schien umgekehrt keinen allzu schlechten Eindruck von der Gruppe zu haben, die am Morgen mit ihrem Beiboot in den Hafen Amoravods eingelaufen war.
Zwischen Petrov und Langeladeon saß Garin El’Suk, den ihnen Agem Ill als Übersetzer mitgegeben und der bereits während der Reise bewiesen hatte, dass er sein Handwerk beherrschte. Er sprach sagenhafte zehn Sprachen fließend, hatte sich aber davon abgesehen als ein recht stiller Zeitgenosse entpuppt.
Nachdem Bargh dem Wirt seinen Hunger in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben hatte, indem er auf seinen knurrenden Bauch zeigte, wandte sich Telos an Petrov.
„Es ist möglich, dass wir ein paar Tage hier ausharren müssen“, begann er ernst. Sofort übersetzte Garin seine Worte und Petrov nickte verständnisvoll.
„Ihr said ħier willkommen“, übersetzte der Aschraner die Worte des Baruk. „Aber vergesst nicht, dass Ihr ħier ebenso in Gefahr said, wie die Bürger dieser Stadt. Noch dauert die Belagerung an und wir wissen nicht, was als nächstes passiert.“
Telos nickte verstehend. „Hast du in der Zwischenzeit erfahren, warum Amoravod belagert wird“, wandte er sich an Langeladeon, „und welche Streitmacht vor den Toren der Stadt lagert?“
Langeladeon strich sich grazil eine seiner silbergrauen Strähnen aus dem ebenmäßigen Gesicht und lächelte milde. „Natürlich.“
„Nuvót“, bemerkte der Baruk und erhob sich aus seinem Stuhl. „Schelú spakój Notsch!“
„Na dann“, übersetzte Garin wortwörtlich. „Ich wünsche aine gute Nacht.“
Telos, Langeladeon und Thorn gaben den Wunsch zurück und beobachteten den Statthalter dabei, wie er seinen Umhang von der Stuhllehne fischte, ein paar Münzen auf den Tresen schmiss und durch die Tür in den Regen verschwand. Inzwischen stellte der Wirt eine Schüssel Linseneintopf mit Karotten und einige Holzschalen auf den Tisch. Bargh beugte sich in freudiger Erwartung über die dampfende Brühe, gab dann aber ein unwilliges Grollen von sich. „Da is’ ja gar kein Fleisch drin“, murrte er. „He!“ Er lugte in das runde Gesicht des Wirts und zeigte auf seine Holzschale. „Ziegenfleisch! Da rein, bitte! Davon habt Ihr sicher jede Menge!“
Nachdem Garun sein Begehr übersetzt hatte, packte der Wirt feister Hand den Löffel, rührte einmal um und fischte ein kleines Stückchen Fleisch aus der Brühe. Mit einem triumphierenden Lächeln hielt er es Bargh unter die Nase.
„Besten Dank auch“, grollte Bargh. „Das is’ für’n hohlen Zahn!“
„Wenn Ihr mich nicht mehr benötigt, żiehe ich mich jetżt żurück.“ Garin war aufgestanden und sah Langeladeon an. Der Elf gab ihm mit einem sanften Nicken zu verstehen, dass es ihm gestattet war sich zu entfernen, und schlug in gleichmütiger Grazie seine langen Beine übereinander.
„Laut Petrov Jadalev wird Amoravod seit etwa drei Monden belagert“, begann er in einem für ihn unüblich sachlichen Tonfall. „Bei den Belagerern handelt es sich um ein Heer der Tulurrim, einem Volk aus dem Norden – der Tulursteppe, um es exakt auszudrücken. Soweit es die Bewohner der Stadt ermessen konnten, umfasst die Größe des Heers etwa hunderttausend Krieger. Ein Großteil davon setzt sich aus normaler Reiterei zusammen, ein Fünftel wiederum aus den gefürchteten Büffelreitern der Tulurrim.“
Er machte eine kurze Pause, um die Wirkung seiner Worte in den Gesichtern der anderen ablesen zu können und stellte fest, dass der erwünschte Effekt ausblieb. Allein Bargh hatte den Löffel kurz abgelegt, um einen hoffnungsvollen Blick auf das Schlachtbeil zu werfen, das an seinem Stuhlbein lehnte.
„Nun denn“, fuhr Langeladeon getragen fort, „meiner Einschätzung zufolge sind wir in den nächsten Tagen keiner allzu großen Bedrohung ausgesetzt.“
Barghs Aufmerksamkeit kehrte zu seinem Mahl zurück. Er hatte abrupt das Interesse verloren.
„Die Tulurrim besitzen kein schweres Belagerungsgerät und entbehren auch der erforderlichen Kampftaktik, um eine befestigte Stadt wie diese zu erobern. Ihre Stärke ist der Kampf in einer offenen Feldschlacht. In einer solchen sind sie hingegen so gut wie unbesiegbar.“
„Warum greifen sie nicht vom Fluss aus an?“, mischte sich Thorn ein, der wenig begeistert in seinem Eintopf rührte.
„Sie sind nicht im Besitz einer Seestreitkraft, mein albischer Mitstreiter. Sie haben nur einfache Boote. Darum fällt es ihnen auch schwer, die Stadt vom Nachschub an Vorräten und Ausrüstung zu isolieren. Zwar haben sie es zuwege gebracht, den Osten Moravods zu erobern, doch nun scheint der Versuch, die größte Stadt des Landes zu unterwerfen, ihr erstrebtes Ziel einer vollständigen Eroberung zunichte zu machen, es sei denn sie erhalten noch Verstärkung.“
Telos strich über die Falten seiner weißen Priestertoga und griff nach dem Becher, der vor ihm auf dem Tisch stand.
„Wir müssen die politische Situation in und um die Stadt ignorieren, auch wenn es mir nicht gefällt“, stellte er nüchtern fest und Barghs Gesichtszüge erschlafften zu grenzenlosem Desinteresse.
„Die Stadt wird nicht angegriffen, Bargh“, beschwor Thorn den Vallander. „Zumindest nicht in nächster Zeit. Du wirst dich damit abfinden müssen, dein Beil eine Weile ruhen zu lassen.“
„Solange Amoravod nicht unmittelbar bedroht wird, können wir für die Bewohner nichts tun“, gab Telos ihm recht und nahm einen Schluck Vidkova. Das Gesöff brannte sich förmlich seinen Rachen hinunter, hinterließ aber ein angenehm wärmendes Gefühl im Magen. „Wir dürfen uns in diesen Krieg nicht einmischen. Was für uns zählt, ist, dass wir möglichst unbehelligt unserer Pflicht nachgehen können, wonach es im Augenblick tatsächlich aussieht.“
„Da ist doch ein Haken dran.“ Bargh hörte auf zu essen und warf Telos einen ungewohnt ernsten Blick zu. „Würde mich ehrlich wundern, wenn wir hier kein anderes Problem kriegen, als den heiligen Mann dazu zu bewegen, mit uns zu kommen.“ Er nahm einen ordentlichen Schluck aus seinem Becher, gurgelte geräuschvoll und ließ sich den Roggenschnaps genussvoll die Kehle hinunterlaufen. „Al’Jebal denkt weiter als bis an den Saum seiner Magierrobe. Ich wette, der Saddhu is’ nich’ alles, womit wir es hier zu tun bekommen.“
„Wunschdenken“, gab Thorn zurück. „Jedenfalls für einen wie dich. Vergiss nicht, Bargh, Al’Jebal hat uns ursprünglich nach Rawindra geschickt und nicht hierher. Er dachte, wir würden den Saddhu dort finden.“ Er nahm seinen nassen Umhang an sich, warf ein Griwnar, eines der großen moravischen Silberstücke, auf den Tisch und wandte sich zum Gehen. „Gute Nacht“, wünschte er gähnend. „Ich bin müde.“
„Schlaf gut“, gab Telos halbherzig zurück und wartete, bis Thorn die Treppe nach oben geschlurft war.
„Wir werden Malakal morgen erneut aufsuchen“, sagte er schließlich. „Wenn er sich dann noch immer weigert, die Stadt zu verlassen, müssen wir eben zu drastischeren Mitteln greifen.“
Bargh grinste breit. „Weißt du was, Telos? Du und Chara, ihr zwei werdet euch langsam einig. Stimmt doch, oder?“
Telos’ linke Augenbraue schnellte hoch. „Ich bin ein Agramon-Priester …“, begann er förmlich.
„… und Chara is’ eine Assassinin, ja ja, ich weiß schon. Aber deine priesterlichen Prinzipien sind nich’ mehr ganz so eisern, wie sie mal waren, und deine Methoden unterscheiden sich nich’ mehr so grundlegend von Charas.“
„Das tun sie sehr wohl“, rechtfertigte sich Telos und ließ demonstrativ seine linke Faust in der rechten Hand verschwinden. „Ich stimme nur in Sachen Malakal mit Chara überein. Wenn wir ihn zu Al’Jebal bringen wollen, dann können wir nicht darauf warten, dass ihn eine Eingebung ereilt. Das kann bei einem wie ihm Jahre dauern.“
Er nippte an seinem Getränk und verschränkte die Arme vor der Brust. Einen Augenblick lang entschwanden seine Gedanken zu Chara und er spürte, wie ein mittlerweile vertrautes Gefühl in ihm aufbegehrte. Stand nur zu hoffen, dass Chara noch nichts davon bemerkt hatte. Er hatte – Agramon wusste es – seine Bedürfnisse vollends unter Kontrolle. Und viel mehr war auch nicht dahinter. Der Rest drehte sich um seine Berufung, Chara ins Licht zu ziehen.

Es war still hier. Zu still, für ihre Begriffe. Still genug, um den eigenen Herzschlag zu hören. Still genug, um das Aufbegehren der Seele zu fühlen, den Aufruhr der Gedanken, die allmählich ins Trudeln gerieten. Irgendetwas hier war seltsam. Irgendetwas untergrub die Dominanz des klaren Kalküls, das ihre Gedanken sonst beherrschte. Irgendetwas kroch durch ihren Körper und versetzte sie in Erregung – in eine fremde, maßlose Erregung … Das war nicht gut!
Die Spitze der Feder glitt leise kratzend über das Pergament in schwarzem Ledereinband und hinterließ einen ungezähmten Schriftzug auf dem blassen Grund. Warmes Kerzenlicht floss über die Seiten und verlor sich in den schwarzen Falten des Stoffs um Charas Beine.
Sie saß auf ihrem Bett in dem kleinen Zimmer des Gasthauses, das sie alleine bezogen hatte. Auf ihren Knien ruhte das kleine schwarze Buch mit ihren privaten Aufzeichnungen. In der bleichen Haut ihres Gesichts reflektierte schwach aber bewegt das Licht der Kerzenflamme.

Nachdem wir Billus verlassen hatten, kehrte Ruhe ein und ich dachte, ich würde zu meiner Gleichgültigkeit zurückfinden. Ich dachte, dass ich wieder klar denken könnte, sobald er fort ist. Doch jetzt … jetzt kehrt die alte Unruhe zurück und mir ist nicht klar, warum. Denn er ist nicht hier! Also, was ist es? Warum fühl ich mich so verdammt unstet. Warum bin ich so aufgewühlt, wie ich es sonst nur in seiner Nähe bin?

Chara stoppte ihre Feder und horchte auf. Von draußen drangen gedämpfte Schreie durch die schmale Fensteröffnung in ihr Zimmer. Ein Hund winselte und das Zuschlagen einer Tür war vernehmbar. Wenig später hörte sie aufgebrachte Stimmen – eine Unterhaltung, deren Intonation auf eine unwillkommene Störung der Nachtruhe schließen ließ.
Chara schüttelte den Kopf und vertiefte sich erneut in ihre Aufzeichnungen.

Drei Tage! Er war drei ganze Tage um mich. Drei Tage lang war ich ihm ausgesetzt, seiner Nähe, seiner Präsenz … Wieso hat er sich uns anvertraut? Was für einen Grund hatte er dafür? Und wieso ist er seither ständig in meinem Kopf und meinem …

„Stopp! Wir werden zügellos!“
Charas Feder hielt abrupt inne und ein unschöner Tintenklecks begann sich über die Seite auszubreiten.
„Was willst du?!“, fragte sie schneidend.
„Du fragst zu viel“, zischte die Stimme in ihrem Kopf. „Und weil wir nun mal beide von deiner Schwäche betroffen sind, wird’s Zeit, dass dir mal wieder jemand den Kopf zurechtrückt. Was faselst du da? In deinem Kopf und deinem … Deinem was, Chara? Etwa deinem Herzen?“
„Denkst du, ich bin mir über das Problem nicht im Klaren?“, gab Chara zurück.
„Nicht genug. Sonst würde ich wohl kaum mit dir sprechen.“
„Wunderbar! Soll ich dir etwa dankbar sein? Wofür? Dafür, dass ich deinetwegen verrückt werde?“
„Weißt du denn, wer ich bin?“
„Als wäre das schwer zu erraten. Du bist die Ausgeburt meines Wahnsinns – die zweite Seite der Medaille! Du bist das, was sich selbst vermutlich als mein rationales Ich bezeichnen würde – die Stimme der Vernunft, die denkt, sie müsse der gefühlsduseligen Seite erklären, wo’s langgeht!“ Sie fuhr sich nervös durch die Haare. „Das wirklich Peinliche daran ist, dass ich mit mir selbst spreche!“
„Peinlich zu sein können wir uns leisten. Doch du, Chara, vergisst deine Pflichten! Deine Stimme ist sanft geworden. Jedes Wort aus deinem Mund ist ein Wort zuviel. Deine Sinne trüben deinen Blick. Deine Gedanken sind von Gefühlen überschattet, die dich straucheln lassen. Erinnere dich!“
„Woran?“
„Der Traum, Chara, der Traum!“
„Welcher Traum?“
„Der Strand, der Weg nach Billus, du – nackt und ohne deine Waffen … und er.“
Ein Beben ging durch Charas Körper. Das schwarze Buch rutschte von ihren Beinen und landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden.
„… Al’Jebal …“
„Was hat er gesagt, dein Meister?“
Chara schloss die Augen. Das Bild des nächtlichen Strandes kam ihr in den Sinn – das Rauschen des Meeres, der nasse kühle Sand zwischen ihren Zehen, die Gestalt, die sich ihr langsam näherte.
„Alles, was Ihr von nun an tut, tut Ihr in meinem Namen. Vergesst dies nicht!“, flüsterte sie bebend.
„Das ist es nicht, worauf ich anspiele. Was hat er noch gesagt?“
Chara atmete tief ein und öffnete die Augen. „Euer Verstand ist es, was zählt. Euer Herz sollte schweigen. Vorerst. Es ist zu früh.“
„So ist es.“
„Aber ich bin machtlos dagegen!“ Sie strich sich in einer Geste der Verzweiflung über die Augen. „Wenn er in meiner Nähe ist, gerät alles außer Kontrolle!“
„Wie wär’s, wenn du aufhörst daran zu denken, was geschieht, wenn er in deiner Nähe ist, und dich stattdessen darauf konzentrierst, seine Befehle zu befolgen. Hier in Moravod, zum Beispiel.“
„Schon klar.“
„Sicher?“
„Ich weiß, was ich tue und worauf es ankommt!“
„Tatsächl…?“
„Hau ab!“
„Meinetwegen, aber vergiss nicht …“
„Nein! Und jetzt verschwinde!“
„Wir hören uns!“
„Worauf ich meinen Arsch verwette.“
Chara ließ sich auf ihr Kissen fallen und zog die Nase kraus. Einen Herzschlag später fühlte sie, wie sich eine bleierne Müdigkeit über ihren Verstand legte und sie langsam aber nachdrücklich in eine seltsame Benommenheit zog.
Es wurde still. So still, dass sie meinte, ihr Herz habe zu schlagen aufgehört und die Straße vor dem Gasthaus wäre plötzlich wie leergefegt. Dann verblasste auch dieser Gedanke und alles, was Chara noch wahrnahm, war eine unantastbare Leere, die sich von innen her auszubreiten schien. Einen Atemzug später fiel sie in einen tiefen, komatösen Schlaf. Die Kerzenflamme auf dem Nachttisch flackerte auf und erlosch. Es wurde kühl in dem kleinen Zimmer.

Auf http://www.lovelybooks.de/ von LiberteToujours (06.01.2016)


Es ist finsterer geworden in Amalea. Das Chaos, vermeintlich besiegt, formiert sich neu und stärkt seine Reihen, bereit zurück zu kehren. Auf ihrem neuen Auftrag müssen sich Chara, Telos, Bargh und Thorn weiter wagen, als jemals zuvor. Vor allen Dingen weiter in ihre eigenen Abgründe..


Das ist weider eine der Rezensionen, die mir besonders schwer fallen. Kritik ist beim Schreiben einfach dankbarer als ausschweifende Lobeshymnen. Begeisterung ist nunmal leider ein Gefühl, dass sich nur ungern an Worte binden lässt. Auch wenn ich mir sicher bin, dass ich den Chroniken hier nicht gerecht werden kann, werde ich versuchen euch zumindest einen Eindruck des Unfassbaren zu geben..

Die ersten Seiten sind ein bisschen wie heimkommen. Wenn man als Leser mit Haut und Haaren in die Chroniken eintaucht, hat man keine andere Wahl als sich bei den ersten Zeilen sofort wieder Zuhause zu fühlen. Das Wiedersehen mit unseren Protagonisten ist eher wie das Wiedersehen mit alten Freunden, man merkt erst wie sehr man sie wirklich vermisst hat, wenn sie wieder da sind.
Und doch fühlt sich einiges anders an. Denn wie der Klappentext bereits verspricht hat die Finsternis Einzug gehalten in Amalea. Und diese Dunkelheit spürt man von Anfang an, diffus nur durch die Zeilen kriechend und doch sitzt sie von Beginn an im Nacken. 
Lange dauert es allerdings nicht, bis genau dieses Böse ein Gesicht bekommt. Und dieses Gesicht ist wahrhaft schrecklich. Der dritte Band ist deutlich härter als seine beiden Vorgänger, härter, als man es zumeist aus diesem Genre kennt. Zartbesaitete Leser werden keine andere Wahl haben, als über eine Dutzend Seiten die Zähne zusammen zu beißen. Und ich spreche hier noch nicht einmal von den physischen Gewaltexzessen, obwohl die auch mehr als nur eine Grenze übertreten. Ich rede viel mehr von dem, was unsere Akteure hier psychisch aushalten müssen. Wenn man in einer Handlung mittendrin statt nur dabei ist fühlt man mit - und in diesem speziellen Fall sind die Gefühle eben alles andere als angenehm.
Dennoch hatte ich nie das Gefühl, hier Gewalt nur um des Voyeurismus Willens lesen zu müssen. Da steht mehr dahinter, vielleicht sogar eine der Quintessenzen, die die Chroniken von Anfang an mit transportiert haben : Ohne Dunkelheit kein Licht und wo Licht ist, ist auch Schatten. Das grenzenlose Gute kann in einer Welt ohne das abgrundtief Böse nicht existieren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das manifestiert.

Auch mein Liebling, Chara, wurde hier wieder zu genüge bedient. Langsam fallen weitere Steinchen an ihren Platz und versuchen das Bild zu komplettieren. Nach dem dritten Teile habe ich das Gefühl, Chara so gut zu kennen wie sie sich selbst. Zugegeben, das ist nicht wirklich viel, aber zumindest sind wir nun auf dem selben Stand und ich kann gemeinsam mit ihr versuchen, die letzten Fäden zu entwirren.
Bei Chara ist dem Autorenduo ohnehin eine Gratwanderung gelungen. Bei einem Charakter, der von derart vielen Mythen und Geheimnissen umgeben ist wie sie ist es schwer, den Leser bei der Stange zu halten und zugleich nicht zu viel zu verraten. Besser als hier hätte man das nicht machen können.
Ebenso spannend finde ich, wie sich mein Blickwinkel auf einige Figuren im Laufe der Handlung verändert hat. Mit Telos kann ich jetzt deutlich besser, der ist mir nicht mehr so unangenehm. Und Al'jebal, in Band 2 für mich noch ein klarer Antagonist, hat meine Meinung ins Wanken gebracht. Neu gebildet hat sie sich bis jetzt noch nicht.

Die Charaktere und ihre Entwicklung sind ja sowieso der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Mit ihnen steht und fällt die Handlung. Umso schwieriger ist es, altbekannte und geliebte weg zu nehmen und "Neulinge" einzuführen. Genau das ist hier aber geschehen. Und ich kann auch jetzt noch nicht behaupten, dass mir das gefallen würde. Ich habe seitenlang vor mich hin geflucht, auf eine Wendung gehofft und mein Herz schmerzt auch jetzt noch ein bisschen. Aber das ist auch gut so - kein wirklich gutes Buch ohne Herzschmerz, das weiß ich spätestens seit Dumbledore vom Turm gestürzt ist.

Ich könnte hier noch so viel mehr anbringen - die fantastischen Wesen, die hier neu eingeführt wurden und die Amalea noch plastischer wirken lassen, den wundervollen Schreibstil, die Tatsache dass trotz der wahnsinnig hohen Seitenzahl keine einzige überflüssig scheint und und und - letztendlich muss man die Chroniken aber einfach selbst erleben, alles andere wäre ein wenig so, als würde ich euch den Geschmack einer Erdbeere beschreiben, ohne dass ihr jemals eine gegessen habt. Denn egal ob man sie nach dem Lesen mag oder nicht, aber sie sind schlicht etwas zum erleben, ein bisschen anders als andere Romane. 
Unbedingt lesen - mir wurde das Herz nach der letzten Seite schwer, weil ich so lange auf den letzten Teil warten muss. Und das hatte ich das letzte Mal bei Harry Potter..

Online: http://www.lovelybooks.de/autor/J.-H.-Pra%C3%9Fl/Chroniken-von-Chaos-und-Ordnung-Bargh-Barrowson-Chaos-1193703836-w/rezension/1215467181/



Über den Autor

Praßl, J.H.

Praßl, J.H.

Hinter dem Namen J.H. Praßl verbirgt sich das österreichische Autorenehepaar Judith und Heinz Praßl. Zusammen schreiben sie bereits seit Jahren an dem Fantasy-Epos Chroniken von Chaos und Ordnung. Judith Praßl wurde 1979 in Oberösterreich geboren. Sie ist... mehr über den Autor

Bewerten und Kommentieren

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.

 
Design by MKD Mediengestaltung